Warum wir manchmal erst scheitern müssen

Mein persönliches Desaster traf mich 1992. Eine Beziehung war’s. (Wie sollte es auch anders sein.) Selbständig war ich schon. Total unsicher auch. Trotzdem verdiente ich gut. Auf mich liefen fast alle Verträge. Aber – wie das bei uns Frauen oft so ist – je mehr das Ganze der Katastrophe entgegenglitt, um so mehr überfiel mich bleierne Lähmung.

Was soll ich sagen: Das Ende kam und erwischte mich volle Breitseite. Ergebnis: Schulden in locker fünfstelliger Größenordnung und Gemütsstatus unterirdisch. Zwei Jahre lang konnte ich keinen klaren Gedanken fassen. Ich fühlte mich vernichtet. Und total abgestürzt.

Dann, eines Morgens, während ich gedankenverloren aus dem Fenster kuckte und darauf wartete, dass die Kaffeemaschine ihre Arbeit beendete, sah ich einen Kohlweißling über meinen Rasen flattern. Es war Anfang Mai, die Sonne schien, und mich traf es wie ein Keulenschlag: In Wahrheit war ich gar nicht abgestürzt. In Wahrheit hing ich nur in der Luft!

Vier weitere Jahre dauerte es, bis ich mich einigermaßen – finanziell und gefühlsmäßig – wieder berappelt hatte. Doch während dieser vier Jahre sammelte ich Stück für Stück alles auf, was jemals irgendwann irgendwo an meinem Weg liegengeblieben war. Daraus bastelte ich mir nach und nach einen völlig neuen Lebensplan.

Prima, wenn du nichts mehr zu verlieren hast

Wie viele Frauen (vielleicht sogar die meisten von uns), war ich voller Selbstzweifel gewesen und vollkommen unwissend in Bezug auf meine eigenen Talente, Fähigkeiten und Stärken. Viele Entscheidungen, die ich getroffen hatte, beruhten auf Kompromissen. Danach hatte ich einfach „weitergemacht“.

Nachdem nun alles futsch war und ich ohnehin neu anfangen musste, sagte ich mir „Dann kannst du auch gleich GANZ neu anfangen“. Die Versagensängste waren weg. Gescheitert war ich schon. Und das auf ganzer Linie. Was konnte mir noch passieren?! Du glaubst ja nicht, was du alles wiederfindest, wenn du erst mal anfängst, nachzukucken! Hast du dich schon mal hingesetzt und für die letzten zwanzig Jahre Bilanz gezogen?

Häufig trauen wir uns nämlich ab einem gewissen Punkt in unserem Leben nicht mehr, uns noch zu fragen, ob das alles denn immer noch richtig für uns ist – so, wie es ist. Oder ob wir nicht doch noch mal den symbolischen (oder manchmal auch realen) Koffer packen und einen Neuanfang riskieren sollten.

„Das Leben ist nun mal nicht immer himmelblau… Irgend was ändern, geht doch gar nicht … Ich hab‘ Verpflichtungen … Vor zehn, fünfzehn Jahren … ja, da wär’s vielleicht noch gegangen … Jetzt ist es zu spät … Hat sich halt nicht ergeben … Sollte eben nicht sein …“

Scheitern kann ungeahnte Kräfte wecken

Ich wette, solche Gedankengänge, wie die eben beschriebenen, kennst du auch. Und fast immer ist es diese automatische Gedanken-Abwehr, die uns gar nicht erst so weit kommen lässt, über die Machbarkeiten einer Veränderung vernünftig nachzudenken. Es geht doch nicht darum, dass du bei Nacht und Nebel deinen Rucksack schulterst und nach Neuseeland auswanderst. Während deine bedauernswerte Familie darbend ihr Dasein ohne dich weiterfristet.

Ganz im Ernst: Würden mehr von uns öfter mal still für sich Bilanz ziehen, um dann an passender Stelle den Mund aufzumachen und auf eine Veränderung zu pochen – es würden wahrscheinlich weniger Beziehungen zu Bruch gehen und mehr leitende Angestellte die kritischen Jahre ohne Herzinfarkt überstehen.