In kleinen Schritten …

Die folgende Geschichte erzählte mir meine Freundin Regina:

Es war Montag Morgen, September 2010. Ein ganz normaler Start in die Woche. Oberflächlich betrachtet, hatte Regina alles, was man sich wünschen konnte. Erfolg als Geschäftsführerin einer schicken Design-Agentur, eine Loft-Etage in einem ebenso schicken Wohnviertel, eine solide Beziehung. Aber irgendwo war da so ein nagendes Gefühl, dass das alles vielleicht gar nicht so toll war, wie es aussah.

Regina wusste nicht, was sie wirklich wollte. Rief sich selbst zur Ordnung, indem sie sich sagte, sie solle nicht ständig nach „Haaren in der Suppe“ suchen.

Wie immer wollte Regina auch an diesem Montag den Tag mit einer Jogging-Runde durch den nahen Park beginnen. Doch dann bemerkte sie, dass ihr Knie dick war.

Hatte sie es Freitag vielleicht im Fitness-Studio übertrieben? Oder war sie irgendwann beim Laufen falsch aufgetreten? Das Knie tat weh und nicht nur ein bisschen. Also ging Regina zu ihrem Arzt, um ihn nachsehen zu lassen, was los war.

Die Diagnose war erschreckend: Arthritis. Mit siebenunddreißig.

Die nächsten sechs Monate waren eine Tortur. Jeder Schritt schmerzte – selbst mit starken Medikamenten. Laufen – unmöglich. Zu Fuß gehen – bis zum Parkplatz mit Ach und Krach. Treppensteigen – eine Herkules-Aufgabe.

Ergebnis: Eben noch war Regina eine sportliche, junge Frau gewesen, die meist im Laufschritt unterwegs war. Und im nächsten Moment… padautz… war sie jemandes Großmutter.

Gesundheitskrisen rütteln wach für das, was wichtig ist

Sechs Monate als Fast-Invalidin zwingen dich, dazusitzen und über dein Leben nachzudenken. Dabei wurde Regina einiges bewusst:

Ihre Beziehung funktionierte, aber sie machte nicht glücklich.

Regina aber WOLLTE glücklich sein. Reginas Freund war kein schlechter Kerl. Aber eine siebenunddreißigjährige Frau – emanzipiert oder nicht – will irgendwann wissen, wohin sie gehört. Und dieser Mann war nicht bereit, sich wirklich zu binden.

Sie hasste ihren Job.

Das Hinaufgehetze auf der Karriereleiter hatte Regina erschöpft. Es machte keinen Spaß mehr. Und weiter nach oben ging es ohnehin nicht. Der einzige Grund, warum sie nicht längst gekündigt hatte, war die finanzielle Sicherheit.

Seit Jahren träumte sie den gleichen Traum.

Sie hatte die Kunsthochschule absolviert, ihr Leben lang gezeichnet. Und immer schon hatte sie davon geträumt, irgendwo in der Toskana zu leben und zu zeichnen. Aber wie sollte das gehen?

Zusammengefasst hieß das: aufhören, sich was vorzumachen.

Regina hatte sich immer gesagt: „Ich kann nicht einfach … Aber, wenn ich erst …“. Und dann hatte sie Finanzen, Umstände oder Gottweißwas als Ausrede dafür herbeigezerrt, warum es gerade wieder ungünstig war, über eine Veränderung ihres Lebens auch nur nachzudenken.

Und während sie so dalag, wochenlang, mit ihrem bandagierten, pochenden Knie, dämmerte ihr plötzlich, dass sie gar keine Arthritis gebraucht hatte, um bewegungsunfähig zu sein. Sie war es längst. Lahmgelegt von ihren eigenen Wenns und Abers. Seit Jahren schon.

Die Frage war nun: Was sollte sie dagegen unternehmen? Es war schlicht verrückt zu glauben, sie müsste nur lange genug warten, dann würden sich die Umstände eines Tages schon von selbst so zusammenfügen, dass sich ihr Traum erfüllen ließe. Wenn sie diese Art von Leben – Toskana und zeichnen – wirklich leben wollte, dann musste sie handeln. Jetzt!

Regina begann, zu recherchieren – im Internet. Sie las Artikel, Blogs, Info-Seiten.

Schritt 1: Konzentrieren auf das, was Spaß macht

Als das Knie schließlich einigermaßen wiederhergestellt war, platzte sie fast vor Energie. Als erstes kündigte sie ihren Job. Dann verkaufte sie das Loft und nahm sich eine kleine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung am Stadtrand. Dort kramte sie ihre Zeichen-Utensilien hervor. Sie schrieb sich zu einem Auffrischungskurs an einer privaten Kunst-Akademie ein, knüpfte Kontakte zu Verlagen und Illustratoren und wandte sich an einen Immobilien-Makler mit Partnern in Italien.

Schritt 2: Reduzieren & vereinfachen

Als nächstes beendete Regina ihre Beziehung, die mittlerweile sowieso fast eingeschlafen war. Der Trennungsstrich war nur noch eine Formsache. Sie hatte eh kaum Zeit. Denn plötzlich war sie da – die Idee. Zu einem Kinderbuch. Die Bilder, die Worte, die Farben – sie kamen fast von allein. Nun, da ihnen endlich Raum gegeben wurde.

Schritt 3: Nicht denken, machen

Wenn du sechs Monate lang, die Beine hoch, auf der Couch herumliegst, mit nichts als dem Laptop als Gegenüber, dann wird dir klar: Die perfekte Zeit, die gibt es nicht. Denn die perfekte Zeit, das ist immer die Zeit, wenn du (endlich) anfängst, etwas zu tun, das längst überfällig ist. Du musst einfach einen Fuß vor den anderen setzen und losgehen.

Aber Regina war natürlich nicht ganz allein dabei. Sie hatte Eltern. Einen Bruder. Sie hatte Freund*innen. Mit ihnen besprach sie ihre Pläne.

Acht Monate, nachdem sie mit den ersten Entwürfen für ihre Geschichte begonnen hatte, war sie fertig. Kurze Zeit später meldete ein Kinderbuch-Verlag Interesse an. Katschaka!

Heute lebt Regina in einem kleinen Bauernhaus im Valle d’Orcia, das seit 2004 zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Das Haus ist hundertzwanzig Jahre alt. Es gibt noch vieles, was daran gemacht werden muss. Reginas Bildergeschichte verkauft sich gut. Sie wird nicht reich werden. Aber, da sie immer neue Geschichten entwickelt, wird sie irgendwann wahrscheinlich ganz gut davon leben können. Jedes Jahr um Weihnachten kommt sie für ein, zwei Monate nach Deutschland zurück. Kurz: Sie ist glücklich.

Und jetzt bist du dran, es wahr zu machen.

Wenn du nicht länger warten willst auf das Glück, dann musst du ihm selbst auf die Sprünge helfen. Mit kleinen Veränderungen fängt es an. Denn die führen dann nach und nach zu Veränderungen, die immer größer werden:

Anstatt zu sagen, „Eines Tages werde ich …“, ändere deine Haltung in „Ich werde jetzt XY tun“.

Schreibe über das, was du willst.

Frage dich: „Was hält mich zurück?“

Erkenne negative Gedankengänge und Selbstzweifel als das, was sie sind – Unsinn, und ignoriere sie.

Unterteile deine Ziele in kleine Etappen, und trage dir dafür Termine in deinen Kalender ein. (Aber realistisch bleiben, was machbar ist. Damit du auch wirklich durchhälst!)

Der Trick: Du musst nur den ersten Schritt tun. Und dann einfach weitermachen.