Wie du dir Ziele steckst, ohne dich verrückt zu machen – Teil 2

Willkommen zurück zu unserem kleinen Exkurs über Zielsetzung. Und noch einmal geht es um eine Frage, die du dir stellen solltest, bevor du anfängst, ein Ziel überhaupt ins Auge zu fassen. (Falls du ihn verpasst hast, Teil Eins findest du hier.)
Heute sehen wir uns an, ob Ziele, die du dir steckst, zu den realen Gegebenheiten passen. Beispiel: Wenn du 10 fremde Menschen fragst, würden die sagen, dass dein Ziel realistisch ist …?
Los geht’s:
Frage Nr. 1: Braucht dein Ziel das Prinzip Hoffnung?
Beginnen wir mit dem GUAZ. Dem “Großen, Ungestümen, Abgedrehten Ziel.”
Gleich vorweg: Im Grunde bin ich kein Fan solcher Vorhaben. Dabei ist eigentlich nichts falsch daran, wenn man sich auch mal was vornimmt, was andere „verrückt“ nennen. Schließlich gibt es genug „Erfolgsgeschichten“ nach dem Prinzip, „Jeder hielt mich für komplett wahnsinnig, weil ich das gemacht habe …“ Und dann ist so jemand irgendwann Multi-Millionär, weil er es geschafft hat, aus Abfall saubere Energie zu gewinnen. Allerdings ist da ein großer Unterschied zwischen „Das klingt unmöglich“ und „Das widerspricht den Gesetzen des bekannten Universums“.
In einem solchen Fall geht es nicht darum, das Ziel in Frage zu stellen, sehr wohl aber die Art und Weise, wie und auf welchen Wegen es erreicht werden soll. Wenn ich bei der nächsten Olympiade mitmachen will, wäre das ein wirklich, WIRKLICH großes UND (in meinem Fall auch ein völlig) absurdes Ziel.
Habe ich allerdings vor, in absehbarer Zeit über das Wasser der Elbe zu wandeln, würde ich wohl höhere Mächte einspannen müssen.
Wenn du Ziele festlegst, musst du bedenken, was du dafür in die Waagschale werfen kannst.
Bleiben wir bei dem Beispiel, sagen aber, dein großes, ungestümes, abgedrehtes Ziel ist es nicht, an der nächsten Olympiade teilzunehmen, sondern in einem Jahr deinen Job kündigen zu können.
Sagen wir außerdem, du bräuchtest dafür 40.000 Euro. Und anfangen müsstest du bei Null. Keine Website, keine eMail-Liste, bislang noch nichts, was du verkaufen oder anbieten könntest. Und selbständig warst du vorher auch noch nie.
Aber nach diesem letzten Marathon-Schwafel-Meeting hast du endgültig die Nase voll und sagst dir: „Das war’s jetzt … 12 Monate – und keinen Tag länger!“
Okay, das ist ein ziemlich großes Ziel. Deine Familie, deine Freunde und die Freunde deiner Freunde sagen: „Du warst dein Leben lang (an dieser Stelle denk dir einfach, was du dein Leben lang bisher warst …). Und jetzt willst du das alles plötzlich in den Wind schießen? Du bist verrückt!“
Okay, du bist also verrückt. Unter Umständen könnte das sogar von Vorteil sein. Schließlich haben verrückte Menschen oft Ideen, auf die „normale“ Menschen nie kommen würden.
Und genau das ist der Punkt, in dem sich viele Menschen irren.
Sie sehen, etwas ist grundsätzlich möglich. Und sie gehen davon aus, dass sie es mit den Möglichkeiten, die sie haben, mit Fleiß und der richtigen Einstellung schon schaffen werden. Sie denken, sie bauen eine eMail-Liste mit 2.000 Lesern in sechs Monaten auf. Sie denken, sie entwickeln mal eben ein Konzept. Und in einem Jahr können sie sich alles leisten, was sie wollen, brauchen aber nur noch ein paar Stunden pro Woche zu arbeiten. Sie denken, mit 10 Minuten Twitter am Tag werden sie berühmt.
Jaja, manchmal klappt so was tatsächlich. Jaja, es gibt Menschen, die es auf diese Weise wirklich geschafft haben. Aber: Es passiert in der Regel ZUFÄLLIG und nicht, weil sich diese Menschen darauf verlassen haben.
Der Unterschied zwischen Hoffnung und Einmaleins
Kunde Nr. 1 sagt: „Ich möchte in sechs Monaten eine Liste von 2.000 Personen aufbauen. Ich habe mir 50 Blogs rausgesucht, auf denen ich Gastbeiträge unterbringen kann. Ich habe eine genaue Vorstellung meiner Zielgruppe. Und ich habe eine Reihe von kostenlosen eBooks, die namhafte Experten-Testimonials bereits lobend beurteilt haben.
20 Stunden pro Woche werde ich in den Aufbau meiner Liste investieren. Wer die wichtigsten Meinungsbilder in meiner Branche sind, weiß ich auch schon. Außerdem werde ich weitere 10 Stunden pro Woche in den sozialen Medien verbringen, um mit diesen Meinungsbildern in Kontakt zu kommen. Warum? Ganz einfach: Weil ich einen Plan habe, wie ich es schaffe, dass sie mich in ihrem nächsten Artikel erwähnen.
Ach ja: Die Schwiegereltern haben mir ein Darlehen gegeben. Und: Einen Facebook-Fachmann hab ich auch noch engagiert. Der wird eine Reihe von Facebook-Ads für mich schalten. Und was ich von ihm bisher gelesen habe, ist RICHTIG gut …!
Ich weiß, ich fange mit all dem gerade erst an, aber ich denke, die 2.000 kann ich schaffen – oder doch zumindest annähernd. Meinen Berechnungen zufolge, sollten sich durchschnittlich 11 Leser pro Tag anmelden. Was ich bei einem Einsatz von 30 Stunden pro Woche für ein angemessenes Ergebnis halte.“
Kunde Nr. 2 sagt: „Ich möchte in sechs Monaten eine eMail-Liste von 2.000 Lesern aufbauen. Die brauche ich, um mein Business in Schwung zu bringen. Ich werde Artikel schreiben wie verrückt, mich ernsthaft um die sozialen Medien kümmern und mir was richtig Cooles für meine Liste ausdenken. Ich werde mich ganz und gar meinem Ziel widmen. Und darum werde ich es auch erreichen. Ach ja – das muss ich natürlich neben meinem Job erledigen. Aber das krieg ich schon hin.“
Und jetzt kommen wir zum Einmaleins
Kunde Nr. 1 hat sich mit einer Reihe von Strategien und Taktiken beschäftigt und sagt damit „Auf der Grundlage von Erfahrungen und Durchschnittswerten, besteht eine realistische Chance, dass mein Plan funktionieren wird.“ Somit haben wir es hier zu tun mit einem Vorhaben, das Voraussetzungen, Möglichkeiten und Zeitaufwand vernünftig kalkuliert.
Kunde Nr. 2 hat einen Wunsch geäußert. Und nur einen Wunsch. Übersetzt heißt das „Für das, was ich will, bin ich durchaus bereit, hart zu arbeiten … Na ja … für eine Weile jedenfalls …“ Hier haben wir es bestenfalls zu tun mit einer verschwommenen Absichtserklärung. Kein Plan, keine Analyse, nix.
Du siehst schon, so ein Einmaleins kann echt brutal sein. Und es hat seine Gültigkeit für alle Menschen – nicht nur für Unternehmer*innen. Wir Menschen beschäftigen uns gern mit irgendwelchen Vorhaben. Einfach, weil wir dann das Gefühl haben, dass sich in unserem Leben was bewegt. Damit so eine Bewegung aber nicht nur ein Gefühl bleibt, sondern Wirklichkeit werden kann, kommen wir um das Einmaleins nicht herum.
Kunde Nr. 1 hat gute Gründe, optimistisch zu sein. Kunde Nr. 2 nicht.
Heißt das, ich brauche einen Masterplan, bevor ich mir ein Ziel stecken kann?
Nein. Alles, was du brauchst, ist ein Plan für deine Einsätze – für all das, was mit Zahlen, Daten, Fakten und Terminen zu tun hat. Für das Erreichen deiner Ziele selbst, sind Pläne nicht nötig. Doch du solltest dir Gedanken darüber machen, was du wann wie geschafft haben willst. Dabei solltest du das Gewicht allerdings vor allem legen auf das WAS und das WIE – weniger auf das WANN. Damit ersparst du dir eine Menge Druck.
Denn das ist der Kardinalfehler der meisten Menschen … dass sie sich mit Terminen Druck machen lassen oder selbst machen. Nur, damit man ihre Vorhaben ernstnimmt. Und was dabei herauskommt, ist dann so was wie “Bis Mai werde 15 Kilo abnehmen”.
Im Grunde willst du in einem solchen Fall sozusagen bezahlt werden, noch ehe die Leistung erbracht wurde. Andererseits – wehe, jemand schafft ein Ziel nicht, das er sich gesetzt hat … Dann wird so jemand ganz schnell zum Verlierer gestempelt.
Ist doch verrückt, oder?!
Sind Planer besser dran als Nicht-Planer?
Nein, ganz und gar nicht. Kunde Nr. 1 ist nicht besser als Kunde Nr. 2. In Wahrheit beginnt Kunde Nr. 1 sogar in den meisten Fällen als Kunde Nr. 2. Denn: Alles fängt IMMER an mit dem Wunsch und der Bereitschaft, sich einer Idee mit Leib und Seele zu widmen. Worauf es ankommt ist, wie es dann WEITERGEHT.
Pläne schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe. Die erste ist die, über die wir gerade gesprochen haben: Nämlich, dass man bereit ist, sich auf eine Voraussetzung einzustellen, auch, wenn man sich WÜNSCHEN würde, es ließe sich einfacher regeln. In unserem Beispiel: Ich würde mein Ziel gern mit 15 Wochenstunden Arbeit erreichen, weiß aber sehr wohl , dass es sich mit weniger als 30 Stunden aller Wahrscheinlichkeit nach nicht wird schaffen lassen.
Ergo: Setz dir keine Fristen, wenn du nicht wirklich sicher bist – Einsatz und Leidenschaft hin oder her – dass sich diese Frist einhalten lässt. (Auch dein Tag hat nur 24 Stunden, nicht wahr?)
Der zweite Vorteil eines Plans ist, dass du damit eine Leitlinie hast, um – einigermaßen sicher – nebenher ausgefallenere Ideen auf Extra-Spielwiesen zu testen. (Wenn du denn Lust und Zeit dafür hast.)
Wenn du bei Null anfängst, könntest du sagen: „Ich will eine eMail-Liste von 2.000 Personen in 6 Monaten aufbauen. Ich habe keine Ahnung, wie man das macht. Was also brauche ich dafür?“
Beachte die Formulierung: „Ich will …“ und nicht „Ich werde …“ Achte auf das Eingeständnis, nicht zu wissen, wie es geht. DAS ist gesund. So an ein Vorhaben heranzugehen, daran ist nichts falsch!
Gerade in solchen Fällen, wenn du erst noch nach geeigneten Wegen suchen musst, ist es wichtig, dass du dir selbst zuliebe großzügig bist mit Fristen. Es könnte länger dauern, als dir lieb ist? Denkbar. Möglicherweise könnte dir doch aber auch irgendein überraschender Zufall zu Hilfe kommen? Möglich.
Aber besser, du orientierst sich weder an der einen, noch an der anderen Variante. Die Wahrscheinlichkeit wird sich vermutlich irgendwo dazwischen abspielen. Und sich an Wahrscheinlichkeiten zu halten, ist meistens richtig.
Brauchst du überhaupt einen Plan?
Manche Ziele kommen auch ohne aus. Wenn du deine Firma dicht machst, dein Haus verkaufst und ins nächste Flugzeug nach Australien steigst, um da dein Glück als Straßenmusiker*in zu finden, brauchst du keinen Plan. Dann kannst du das Schicksal entscheiden lassen und einfach abwarten, was passiert.
Wenn du deinen Job hinscheißt, dein altes Notebook hervorkramst und die nächsten sechs Monate damit verbringst, DEN Roman des Jahrzehnts zu verfassen, brauchst du keinen Plan. Sofern du damit klarkommst, wie sich die Dinge entfalten, wenn sie sich dann entfalten.
Ich persönlich vermeide es normalerweise, mir selbst Fristen zu setzen. Wenn du dir ein Ziel steckst, den Zeitrahmen dafür aber nicht festlegst, bleiben deine Augen und Ohren offen für Chancen. Vielleicht läuft dir eine Idee über den Weg, die bedeutet, dass du für dein Business eine weitere Angebotsschiene entwickelst. Das wird dich allerdings drei weitere Monate Vorbereitung kosten. Und genau darum würdest du eine solche Möglichkeit womöglich gar nicht wahrnehmen, wenn du dir fest vorgenommen hättest, in sechs Wochen mit der neuen Website an den Start zu gehen.
Klar, dass du deine 15 Kilo am liebsten bis zur nächsten Bikini/Badehosen-Saison runter haben möchtest. Aber diese 15 Kilo schleppst du seit acht Jahren mit dir herum. Kommt es da wirklich auf weitere sechs Monate an? Auf 9? Oder 12? Wenn die verdammten 15 Kilos dann WIRKLICH weg wären? Wohl kaum. Dir wird es aber während des Abspeckprozesses viel besser gehen.
Nachtrag zum Thema Hoffnung
Du kannst dir Ziele stecken und Termine. Tu ersteres ruhig so oft, wie du willst. Alles gut. Tust du aber letzteres ohne entsprechende Berechnungen, nimmst du dich damit möglicherweise selbst aufs Korn. Du kannst dir ein Ziel stecken, auch wenn du dafür auf nichts anderes als auf das Prinzip Hoffnung bauen kannst.
Aber niemals, NIEMALS solltest du dir eine Frist setzen, die nur basiert auf dem Prinzip Hoffnung. Zu denken: „Verdammt, ob ich das in sechs Monaten wohl schaffe …?“ und sich dann dabei zuzusehen, wie der Adrenalinspiegel nach und nach ungeahnte Höhen erklimmt, kann eine wirklich witzige Erfahrung sein. Aber glaub mir … für derartige Vabanquespiele mit sich selbst sind nur die wenigstens Nervenkostüme gemacht. Wenn du eher nicht der Bungee Jumping-Typ bist, verzichte lieber auf das Festlegen von Fristen.
Hoffnung ist eine prima Sache. Gönn dir davon so viel, wie du willst und brauchst. Aber immer nur da, wo Hoffnung angebracht ist.
